Hildegard von Bingen (1098-1179), Äbtissin, Apothekerin, Dichterin, Komponistin, Prophetin, Heilkundige, Visionärin, Naturforscherin, ist überzeugt, das Gott uns ins Gesicht schaut und wir ihm gut gefallen!
„Wir Menschen sind eine Leib-Geist-Seele-Einheit“, ein „Spiegel aller Gotteswunder“.
Die Seele trägt eine Symphonie Gottes in sich, „hat in sich einen Wohlklang und sie ist selber klingend“. Alles ist ein „Urklang aus der Ordnung Gottes“.
Hildegards Menschen – und Gottesbild ist nicht statisch, sondern dynamisch und prozessorientiert. Es ist verwurzelt in der biblischen Weisheitstradition, die mit „Frau Sophia“ auch ein weibliches Sprechen von Gott ausdrückt.
Das Grundübel des Menschen besteht für Hildegard darin, dass er immer nur „Ich und Ich“ sagt und „sich anmassend selbst das Gesetz gibt, so als ob er sein eigener Gott sei“. Die Lösung sei, sich selbst zu verlassen, die eigene Unordnung – dann erst den Leib – zu kurieren durch „Reue“: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel. Das heisst: gegen das himmlische Kunstwerk, das ich selbst bin“.
Das Geheimnis des Geistes Gottes ist für Hildegard in der Schöpfung erfahrbar: „Alles durchdringst Du, die Höhen, die Tiefen, jeglichen Abgrund.“ Das Obere begegnet dem Unteren, der Schöpfer in der Schöpfung, in jedem Menschen, jedem Tier, jeder Pflanze, jedem Stein lässt er sich lesen, Belebtes und Unbelebtes klingen zusammen in einer grossen „Symphonia“. Die Erde ist nicht die endgültige Heimat des Menschen, aber sie ist viel mehr als wertlose Hülle.
Gottes „liebende Umarmung aller Kreatur“ erhebt die Schöpfung über das bloss Natürliche hinaus und richtet sie zugleich – auf und zurecht. Wenn der Mensch seine Ichbezogenheit, sein Aufbegehren gegen Gott, beendet, erfährt er sich in freundschaftlicher Verbundenheit mit den anderen Geschöpfen, taucht die „Urfreude“ in ihm auf: die Seligkeit, gewollt zu sein; Hildegard nennt das die „fröhliche Wissenschaft“: „Jedes Geschöpf ist mit einem anderen verbunden, und jedes Wesen wird durch ein anders gehalten.“
Der Gedanke der Einheit und Ganzheit ist auch der Schlüssel zu Hildegards natur- und heilkundlichen Schriften. Krankheit ist für sie ein Defizit oder Ungleichgewicht, Gesundheit dagegen das Gleichgewicht der Seele. In ihren Werken „Causae et curae“, „Ursachen und Behandlung“, und ihrer „Physica“, „Naturkunde“, wird deutlich, dass Heil und Heilung des kranken Menschen allein von der Hinwendung zum Glauben ausgehen kann, denn der Glaube allein bringt gute Werke und eine massvolle Lebens-Ordnung hervor. In ihren über Jahrzehnte bis zu ihrem Tod geschriebenen Büchern „Liber simplicis medicinae“ und „Liber compositae medicinae“ hat Hildegard 280 Pflanzen und Bäume katalogisiert und nach ihrem Nutzen für Kranke aufgelistet.

Texte von Hildegard stehen auf der Facebookseite von OFFLIine https://www.facebook.com/offlinebasel/?ref=bookmarks   jeweils freitags um 9.00 Uhr, am 13., 20. und 27. März 2020