1909 als Tochter reicher Eltern in Paris geboren, 1931 zum Gymnasialdienst zugelassen, anfänglich am Kommunismus interessiert, aber bald von Stalins Terror abgestoßen, begann Simone Weil Anfang der dreissiger Jahre durch die Bistros der Pariser Arbeiterviertel zu streunen und mit Anarcho-Syndikalisten Kontakt zu suchen. Die zierliche Gestalt (1,59 Meter), suchte Berührung mit den leidenden Menschen, „weil ich sie kennenlernen möchte, um sie so zu lieben, wie sie sind“.

1936 reihte sie sich, „eine rote Jungfrau“, wie einer ihrer Lehrer sie genannt hat — in die Bürgerkriegsarmee Spaniens ein. Doch ihre Körperkräfte reichten nicht für den Umgang mit einem Gewehr aus. Man steckte sie in die Küche.

1940 musste sie vor der Nazi – Armee zunächst nach Südfrankreich, 1942 nach Amerika fliehen. Nächtens diskutierte sie mit dem katholischen Philosophen Thibon und dem Dominikaner-Pater Perrin, der sie später eine Heilige nannte — freilich, wegen ihrer Intransigenz, mit dem Zusatz: „Gott behüte uns vor lebenden Heiligen.“ Am Tage ruinierte sie ihre zerbrechliche Gesundheit als Landarbeiterin.

Zwischendurch lernte sie Sanskrit und Tibetanisch, schrieb über Platon und moderne Physik, las römische Schriftsteller und die Bibel — und begann, beides abzulehnen: Rom und das Judentum. Die Religion ihrer Ahnen verabscheute sie als „chauvinistisch“.

Zwischen 1938 und 1942 hatte sie vermutlich mehrere Christus-Visionen. Gleichwohl liess sie sich niemals taufen. Jüdin von Abstammung, mystische Christus-Verehrerin, mit einem ungewöhnlichen Verstand begabt — „die leuchtendste Intelligenz des 20. Jahrhunderts“ (so der englische Kulturkritiker Malcolm Muggeridge) -, sah sie sich härter und erbarmungsloser als andere der Undurchsichtigkeit der modernen Welt konfrontiert. So suchte sie die Wirklichkeit dort, wo sie am wirklichsten ist: im Schmerz, im Leiden.
»Ich bin nicht von der Art, dass es gut wäre, sein Schicksal mit mir zu verknüpfen«, hat Simone Weil über sich gesagt. Schwer erkrankt an Lungentuberkulose und totaler körperlicher Erschöpfung (sie ass kaum etwas, um den Hunger ihrer Landsleute zu teilen), starb sie im Alter von 34 Jahren den selbstgewählten Hungertod in Ashford/Kent.

Obwohl sie mit vielen Literaten, Staatsmännern und Revolutionären, zum Beispiel mit Leo Trotzki, bekannt war, erfuhr die Öffentlichkeit erst nach ihrem Tode, dass sie eine moderne Mystikerin war, gleicherweise vertraut mit Plancks Quantentheorie wie mit den Lehren tibetanischer Mönche. Ihre Bücher wurden erst nach dem Kriege ediert — so „Schwerkraft und Gnade“ 1952 und „Das Unglück und die Gottesliebe“ 1953.

„Der Schein haftet am Sein, und nur der Schmerz kann eins vom anderen ablösen. Wer das Sein hat, kann nicht den Schein haben. Der Schein fesselt das Sein. Der Lauf der Zeit trennt das Scheinen vom Sein und das Sein vom Scheinen mit Gewalt. Die Zeit macht offenbar, dass sie nicht die Ewigkeit ist.“

Texte von Simone Weil stehen auf der Facebookseite von OFFLIine https://www.facebook.com/offlinebasel/?ref=bookmarks jeweils freitags um 9.00 Uhr, am 5.,12.,19.  und 26. Juni 2020