Für Dorothee Sölle gehörten Glauben und Politik, Beten und Handeln zusammen; „Jeder theologische Satz muss auch ein politischer sein“, formulierte sie in ihrer Autobiographie „Gegenwind“. Sie vertrat eine Theologie der radikalen Diesseitigkeit und plädierte für eine Entmythologisierung der Bibel. Das Wort Gottes war für sie nicht vom Leben zu trennen, ja, sie hielt Gottes Wirken in der Welt für gebunden an unser Handeln („Gott hat keine anderen Hände als unsere“).
Den Gekreuzigten fand sie im Vietnamkrieg – und nicht in sakralen Räumen hinter Kirchenmauern. Von Nietzsche übernahm sie den Gedanken vom Tod Gottes. Sie fragte sich, wie man „atheistisch an Gott glauben“ könne – ein Satz, der auch Titel eines ihrer Bücher wurde. Gott war für sie in den Kirchn nicht mehr zu finden, wohl aber, so meinte sie, begegnet uns Christus als Stellvertreter Gottes in vielen Brüdern und Schwestern. Aus dem Wunsch nach einem christusförmigen Leben ergab sich für sie die Notwendigkeit einer widerständigen Mystik, wie auch eines ihrer letzten Bücher, „Mystik und Widerstand“, bezeugt, in dem sie sich damit befasste, „wie sich Mystiker verschiedener Zeiten zu und in ihrer Gesellschaft verhalten haben“.
Sie war Mitbegründerin des so genannten Politischen Nachtgebets von 1968 bis 1972 in der Antoniterkirche in Köln, nachdem der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings Frings verboten hatte, das Nachtgebet in einer katholischen Kirche durchzuführen.
Das Thema Holocaust und Nationalsozialismus hielt sie in Atem und veranlasste sie, sich der Friedensbewegung zuzuwenden. In den 1980er Jahren machte sie sich stark gegen den NATO Doppelbeschluss zur Nachrüstung. Zweimal wurde sie wegen versuchter Nötigung verurteilt; zum ersten Mal wegen ihrer Teilnahme an Sitzblockaden vor den NATO Mittelstreckenraketen in Mutlangen, ein weiteres Mal im Zuge des Protests gegen US-amerikanische Giftgasdepots in Fischbach. 1983 provozierte sie einen Skandal, als sie vor dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Vancouver sagte: „Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Welt kommt; einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte“.
Gegen Ende ihres Lebens trat sie vermehrt gemeinsam mit ihrem Mann Fulbert Steffensky auf. Er war bei ihr, als sie am 27.4. 2003 nach einer Lesung in Göppingen starb.
„Am Ende der Suche und der Frage nach Gott steht keine Antwort sondern eine Umarmung.“

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