Am Sonntag, den 25. Oktober 2020 um 10 Uhr feiern wir unseren nächsten literarisch-musikalischen Gottesdienst in der Titus Kirche.
Literarisches Werk: Olga Tokarczuk, Unrast
Musik: Stéphane Reymond, Flügel und Susanne Böke, Orgel, spielen Musik von Henryk Mikołaj Górecki 1933-2010, Karol Szymanowski 1882-1937 und Frédéric Chopin 1810-1849

Noch nie wurde so viel gereist wie heute. Und doch hat sich das Reisen seine Poesie bewahrt. Aber was heißt es, in dieser rasenden Welt ein Körper in Bewegung zu sein? Nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit zu reisen? Da ist die Erzählerin, die unentwegt auf Wanderschaft ist, zu Fuß, im Auto, im Flugzeug und in Gedanken. Oder Eryk, den es als Fährmann in den hohen Norden verschlagen hat und der irgendwann mit seinen verdutzten Passagieren Kurs aufs offene Meer nimmt. Da ist der junge Mann, der langsam dem Wahnsinn verfällt, als Frau und Kind während eines Urlaubs plötzlich verschwinden, um ebenso plötzlich wieder aufzutauchen. Und schließlich Chopins Schwester, die ihren Bruder abgöttisch geliebt hat und nun sein Herz auf eine letzte Reise nach Warschau begleitet.
»Unrast« ist eine Wundertüte voller Mythen, Bekenntnisse, Notizen und Gedanken über das Reisen, die Verbindung zwischen Leib und Seele, über Leben und Tod, Entwurzelung und Migration – ein Potpourri unterschiedlichster Geschichten, die alle einem geheimen Fahrplan folgen und eine gemeinsame Destination haben. (Carolin Emcke)

Hier eine kleine Kostprobe:

Henryk Mikołaj Górecki 1933-2010
„Kantata“ für Orgel (1993)

S. 69, aus Unrast, Flughäfen
Sie haben auch ihre eigene Musik. Das ist die Symphonie der Flugzeugmotoren, ein paar einfache Klänge, die sich im rhythmusfreien Raum ausbreiten, ein orthodoxer zweimotoriger Chor, düster, russig, rot und schwarz unterlegt, ein Largo, bestehend aus einem einzelnen Akkord, der sich selbst ermüdet. Ein Requiem, das mit dem mächtigen Introitus des Starts beginnt und mit dem zur Landung abklingendem Amen endet.

 

Karol Szymanowski 1882-1937
Präludium B-Moll Nr 4 op.1, (1899-1900)

S.63, aus Unrast, Überall und nirgends
„Wenn ich mich auf eine Reise begebe, verschwinde ich von der Landkarte. Niemand weiss, wo ich bin. An dem Punkt, von dem ich ausgegangen bin, oder an dem Punkt, zu dem ich strebe? Existiert ein »Dazwischen«? Bin ich wie dieser verlorene Tag, wenn man nach Osten fliegt, und die gewonnene Nacht nach Westen?“

Präludium Es-Moll Nr 8 op.1, (1899-1900)

S.75, aus Unrast, Der Zug der Feiglinge
„Mitten in der Nacht, wenn der Zug langsam über die belgische oder Lebusser Ebene kriecht, wenn der Nachtnebel dichter wird und alles verschwimmen lässt, dann taucht die zweite Schicht in der Bar auf: von Schlaflosigkeit erschöpfte Passagiere, die sich der Pantoffeln an den blossen Füssen nicht schämen. Sie gesellen sich dazu, als übergäben sie ihr Wohl und Wehe in die Hände des Fatums: Was sein wird, wird sein.
Ich glaube, ihnen kann nur das Beste passieren. Sie befinden sich doch an einem beweglichen Ort, der sich durch den schwarzen Raum schiebt, sie werden durch die Nacht getragen. Niemanden kennen, von niemand gekannt werden. Aus dem eigenen Leben treten und dann wohlbehalten wieder zurückkehren.“

Frédéric Chopin 1810-1849
«Presto» aus der Sonate B-Moll op.35 (1839)

S.260, aus: Unrast, Dunkle Materie
„Dunkle Materie – das war sein Thema. Das ist etwas, von dem wir wissen, dass es existiert, aber wir können ihm mit keinerlei Instrumenten beikommen. Die Beweise für die Existenz der dunklen Materie lassen sich eindeutig aus komplizierten Berechnungen ablesen, mathematische Ergebnisse legen Zeugnis von ihr ab. Alles deutet darauf hin, dass sie drei Viertel des Universums erfüllt. Unsere Materie, die helle Materie, die wir kennen und aus der unser Kosmos besteht, ist wesentlich rarer. Die schwarze hingegen passt überall hin (…).“

Liturgie und Predigt: Pfrn.Monika Widmer Hodel
Lesungen: Waldtraut Mehrhof