Home Forums GRUNDKURS MYSTISCHE SPIRITUALITÄT Von den Stufen der Seele (s.127ff.)

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  • samuel.sarasin
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    Haben wir bisher Predigten gelesen, so handelt es sich hier um einen «Traktat», also kein ursprünglich gesprochenes, sondern geschriebenes Wort.
    Bei diesem Text ist GANZ wichtig, dass das Wort «Stufen» keine Wertigkeit ausdrückt, (z.B. «je höher desto besser….»), sondern Lebensphasen….»Gott erkennen» ist also nicht das Beste, sondern das Höchste. Gott macht das Wohnen in der Seele nicht von Leistung abhängig!

    Selbsterkenntnis geht vor Kenntnis der Kreaturen (erinnern wir uns an einen anderen Satz von Eckart: «Geh deinem Gott entgegen bis zu dir selbst»!)

    Für diese Selbsterkenntnis sind unsere äusseren Sinne wichtig (Augen, Ohren…), also keine Leibfeindlichkeit o.ä. alle Sinne können wahr-nehmen!

    NOCH wichtiger sind aber die «inneren Sinne»: Augen und Ohren führen in das Begehren, Begehren führt zur Anschauung, diese führt zur Vernünftigkeit.

    (S. 128) Ein Reinigungsprozess. Mit der Zeit nimmt man ohne Gleichnis und ohne Bild wahr (man braucht als das 1. Gebot nicht mehr: …kein Abbild machen…).
    Das Gedächtnis bewahrt auf, der Verstand versteht und der Wille erfüllt, alle sind von einer Natur.
    Und jetzt kommt wieder ein wichtiger Satz: Was die Seele wirkt, das wirkt auch die einfache Natur in den Kräften! Also keine Abwertung der Natur und eine Überhöhung des Geistes!!

    Wie kommt aber die Seele zu ihrer grössten Vollendung? Eckart zitiert hier einige «Meister/Heilige: Dadurch, dass Gott in die Seele getragen wird, entspringt in ihr ein göttlicher Liebesquell. Die Liebe also trägt die Seele zu Gott!
    Beide, die, die sagen: «Alles, was man von Gott sprechen kann, ist Gott nicht» und die, die sagen, «Alles, was man von Gott sprechen kann, ist Gott», haben recht!

    Der göttliche Liebesquell ist es, der in der (in JEDER) Seele überquillt und den Menschen aus seiner Niedrigkeit erhebt (als GOTT ist es, der Mensch muss nichts dazutun!)

    (S.129) Die Vereinigung der Seele mit Gott findet statt und so fliesst sie aus sich selbst (also keine Spur von Verinnerlichung, Egoismus usw..), da sie sich selbst nicht genügt.

    Eckart zitiert weiter Augustinus und vergleicht die Seele mit der Dreifaltigkeit! ALLE ORTE SIND EIN ORT GOTTES. Alle Glieder sind ein Ort der Seele, sind also «beseelt»

    (S.130) Wir sind Gottes «allerbeste Freund*Innen» und ihm restlos vertraut. Das vergleicht Eckart mit den «Vorgängen» in der Dreifaltigkeit»

    Gegen Ende greift Eckart die Frage der Menschen auf, wie man eigentlich zu der höchsten Stufe gelangt. Eckart antwortet kurz und knapp: Es geht um die Liebe (letzte Zeilen S. 130 bis oben S. 131)

    Gott schmückt die Seele mit sich selbst und bringt sie in die Anschauung Gottes. Gott ist also der Handelnde! Und in dieser Zeit haben wir schon einen Vorgeschmack dessen, das vom «heiligen Leben» gesprochen wird.
    Da ist es nur logisch, dass man nur in Armut zur höchsten Stufe der Erkenntnis kommt. Auch hier macht Eckart keine «finanzpolitische Aussage» sondern meint die Haltung der Armut. Paulus hat es gesagt: «Haben als hätte man nicht» (1. Korintherbrief 7,29 – 31.)

     

    Zum Schluss ein Artikel aus dem Tagesanzeiger dieser Tage: «Jetzt kann die Religion an der Mystik genesen» https://www.tagesanzeiger.ch/jetzt-kann-die-religion-an-der-mystik-genesen-808954663593 . Da der Artikel nur Registrierten zugänglich ist, hänge ich ihn hier an:

    Jetzt kann die Religion an der Mystik genesen

    Corona beschleunigt die Krise der institutionellen Religion, belebt umso mehr den persönlichen, mündigen Glauben. Das kann nur heilsam sein.

    «Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein.» So prophezeite der bekannte Jesuit Karl Rahner 1966. Er konnte freilich nicht wissen, dass sich sein viel zitierter Satz gerade in Zeiten der Pandemie bewahrheiten würde. Der Shutdown der Religionen und Kirchen macht den Glauben innerlicher, individueller, mystischer. Der Mystiker stellt Erfahrung vor Lehre, Gebet vor Ritual, Innerlichkeit vor religiöse Betriebsamkeit.

    Der Mystiker stellt Erfahrung vor Lehre, Gebet vor Ritual, Innerlichkeit vor religiöse Betriebsamkeit.

    Jetzt, wo der Religionsbetrieb fast zum Erliegen kommt, sind die Kirchen gezwungen, sich neu zu positionieren: Gebet statt Kult, Seelsorge statt Liturgie. Gebet für und Seelsorge an Menschen, die sich durch das Virus ganz unvermittelt mit Krankheit und Tod befassen müssen. Die Kirchen ihrerseits, sonst stark mit Ethik beschäftigt, sind plötzlich auf eine der Grundfragen der Religion zurückgeworfen: Was tröstet angesichts des Todes und über ihn hinaus?

    Wie von selber erneuert Corona Luthers «Priestertum aller Gläubigen»: Auch ohne Vermittlung beamteter Priester haben alle Zugang zum Heil und können seelsorgerlich wirken. Die letzten Wochen haben genau das gezeigt: Menschen werden spontan zu Seelsorgern. Sie trösten andere am Telefon. Sie kümmern sich um Kranke, Senioren und Vereinsamte. Jesus würde es gleich machen wie sie. Seine Kirche besteht heute zum Grossteil aus Menschen der Risikogruppen.

    Der religiöse Betrieb ist ausgesetzt

    Der sonst auf Gottesdienste, Liturgie und Sakramente zentrierte religiöse Betrieb ist ausgesetzt. Die virusbedingt leeren Kirchen werden zum Sinnbild für den Bedeutungsverlust der institutionellen Religion. Die Krise der Versorgungskirche zeigt sich auch als Autoritätskrise: Im Mittelalter glaubte sie noch, mit Bittgottesdiensten und Prozessionen die Pest vertreiben zu können. Heute muss sie eingestehen, dass Heilsmittel wie Hostien, Reliquien und Ikonen womöglich den Tod bringen. Das schmerzt die katholischen und orthodoxen Heilsverwalter.

    Der Shutdown der Kirchen ist vom Staat verfügt. Längst hat er die vom Philosophen Michel Foucault beschriebene «Pastoralmacht», die Macht der Pastoren über die Herde der Gläubigen, von den Kirchen übernommen. Anstelle der Hirten sorgt der moderne Sozialstaat für das Gemeinwohl und das Wohl des Einzelnen.

    Die Kirchen müssten sich freuen: Die mit Notrecht ausgestattete Exekutive verfolgt eine christlich zu nennende Politik, weil sie Mass an den Schwachen und Kranken nimmt. Und definiert gewissenhaft ethische Standards, wer in Notzeiten intensivmedizinisch behandelt wird.

    Institutionelle Religion war schon vor Corona geschwächt – durch Megatrends, die Religionssoziologen mit den Wortungetümen «Individualisierung» und «Deinstitutionalisierung» beschreiben: Unabhängig von der Institution definiert das Individuum seinen Glauben selber. Der jetzt neu entstandene Schub individueller Religion könnte den Wunsch der Theologin Dorothee Sölle einlösen: die Mystik zu demokratisieren, sie zum täglichen Brot aller Gläubigen zu machen.

    Im Mittelalter war Mystik eine elitäre Praxis, dem Stand der Nonnen und Mönche vorbehalten. Klöster galten als bevorzugter Ort innerlicher Gottessuche. Weil der mystische Erfahrungs- und Liebesweg und seine poetische Sprache die herkömmliche Frömmigkeit und die Formeln des Dogmas sprengten, gerieten gerade die begabtesten Mystiker wie Meister Eckhart unter Häresieverdacht. Verinnerlichter Glaube hat immer etwas Subversives – in der christlichen Mystik wie in der jüdischen Kabbala oder im islamischen Sufismus.

    Die weit überzeugendere, weil mündige Alternative ist der selbstbestimmte mystische Glauben des Herzens.

    Dem Islam wird ein Schub Mystik nur guttun. Die aktuell von Staats wegen geschlossenen Moscheen und ausgesetzten Freitagsgebete der Männer verlagern sich atomisiert ins private Zuhause, wo die Frauen beten. Die auf das Kollektiv ausgerichtete Religion wird individualisiert und entpolitisiert, der politische Islam gezwungenermassen vom Staat entmachtet. Umgekehrt wird dessen sonst in Massengebeten und Prozessionen sichtbare religiöse Legitimation geschwächt. Die islamischen Staaten werden säkularer, die Allianz mit der Religion bröckelt.

    Die Kaaba in der Grossen Moschee von Mekka wird normalerweise von Tausenden muslimischer Gläubiger umrundet. Jetzt steht sie fast allein da.

    Überall untergräbt die Pandemie die offiziellen religiösen Autoritäten. Sichtbarer Ausdruck dafür sind die geschlossenen Gotteshäuser – und jetzt an Ostern, Pessach und im Ramadan noch drastischer die menschenleeren heiligen Bezirke: Petersplatz, Tempelberg, Kaaba. Die Cyber-Religion mit ihren gestreamten Gottesdiensten ist ein schwacher Behelf. Die weit überzeugendere, weil mündige Alternative ist der selbstbestimmte mystische Glauben des Herzens.

     

     

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